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Koreas Teilung PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 24. August 2006 um 23:00 Uhr
In einem Radiofeature und einer Fernsehdokumentation für den WDR habe ich über Koreas Teilung berichtet, insbesondere über die Auswirkungen der US-amerikanischen Besatzungspolitik, die der Gründung der beiden koreanischen Staaten und dem Koreakrieg voraus ging.
Dieser Artikel für die Zeitschrift "Korea Forum" (1998) fasst einen Teil der Recherchen zusammen. 

Heißes Eisen Geschichte

Die Teilung Koreas


Es war, als hätte man in einen Bienenkorb gestochen. Gleich fünf Komissare der politischen Polizei in der südkoreanischen Kleinstadt Kimje umringen die Übersetzerin des WDR-Fernsehteams auf dem Polizeipräsidium und bombardieren sie mit Fragen. Wie man gerade auf diesen Mann als Interviewpartner gekommen sei, woher wir die Adresse hätten, und wo wir sonst noch filmen wollten. Grund der Aufregung: Dreharbeiten zum Thema “Koreas Teilung” - Herr Heo, der 1945 als Kommunist im Volkskomitee von Puan aktiv war, sollte darüber befragt werden. 

Aber Herr Heo ist kein normaler Mensch, sagen die Männer von der Staatssicherheit, er ist gefährlich, er hat noch immer seine alten Ansichten, warum befragen Sie nicht andere Leute? Die Polizisten beschreiben Formulare mit den Daten der WDR-Leute, schicken eifrig Faxe in die Kreisstadt und nach Seoul. Angeblich fragen die Komissare dort an, ob Bedenken gegen unseren Interviewwunsch bestehen.

Als wir drei Stunden später wieder zum Präsidium kommen ist der zuständige Stasi-Mann, der sich uns als “0007" vorgestellt hat, plötzlich schleimig-freundlich. “Selbstverständlich” könnten wir Herrn Heo zum Thema interviewen, dazu bräuchten wir ja gar keine Genehmigung. Auch Herrn Heo stehe es frei, dem Fernsehen ein Interview zu geben. Er, 0007,  persönlich glaube aber nicht, daß Herr Heo mitmachen werde, denn schließlich wolle der sich wohl nicht selbst gefährden. Nein, sagt der Agent, die Polizei hat heute keinen Kontakt mit Herrn Heo aufgenommen.

Wir treffen den alten Herrn Heo als Nervenbündel an. Telefonate und Besuche von Polizisten haben ihn mürbe gemacht. In den vier Stunden, die wir auf einen Bescheid warteten, haben ihn mehrere Politkomissare bedroht und vor den Folgen eines Interviews gewarnt. Seine Bewährung nach dem Gesetz über soziale Überwachung stehe möglicherweise auf dem Spiel. Heo bedauert, uns unter dem Eindruck des Terrors der Polizisten das Interview absagen zu müssen. Er hat auch Angst um seine Arbeitsstelle als Pförtner eines Appartmentkomplexes.
Als wir mit Heo darüber sprechen, spaziert ein Bewohner der Hochhäuser in sein Büro und weicht uns nicht mehr von der Seite. Der Mann will unvermittelt unsere Flugdaten wissen. Unter den Augen dieses etwas plumpen Stasi-Mitarbeiters ist ein Gespräch mit Heo nicht mehr möglich. Soeben hat der südkoreanische Sicherheitsapparat  ein Interview mit einem ausländischen Sender verhindert.

Das Tabu

Die Geschichte der Teilung Koreas ist auch fünfzig Jahre danach noch ein kontroverses Thema. Meinungen, die von der offiziellen Interpretation der Geschichte abweichen, werden klein gehalten. Sie können als staatsgefährdend gemäß dem Nationalen Sicherheitsgesetz interpretiert werden. Auch in Seoul ziehen mehrere Interviewpartner ihre Zusagen zurück - wenn schon Suh Joon-Sik in Haft sitzt, fühlen auch sie sich nicht sicher (siehe dazu den Bericht über die Berlinale auf S.... ). Der Geschichtsprofessor aus Seoul bittet uns besorgt um eine sorgfältige Übersetzung seines Interviews.

Das große Tabu Südkoreas formuliert der Chicagoer Historiker Prof. Bruce Cumings so: Ganz Korea wäre vermutlich nach dem zweiten Weltkrieg ein sozialistischer/kommunistischer Staat geworden, wenn nicht die Militärregierung der USA von 1945 bis 1948 gegeben hätte. Und dies ganz ohne Zutun der UdSSR, die im Norden Koreas regierte.  Zu diesem Schluß kommt Cumings indem er die politischen Kräfteverhältnisse in Gesamtkorea zum Ende des zweiten Weltkrieges analysiert. Belege für eine solche These zu sammeln und zu nennen, kommt in Südkorea einem staatsfeindlichen Akt gleich.

Die Bestrafung der Befreiten


Korea in Besatzungszonen einzuteilen oder eine Treuhandregierung über das Land zu errichten, war vor allem der Wunsch der US-Amerikaner gewesen. Seit Pearl Harbor dachte man in der US-Regierung darüber nach, was mit Korea nach Kriegsende geschehen sollte. Nach dem Ende des Pazifikkrieges wollte man die koreanische Halbinsel nicht so einfach vollständig dem zukünftigen Gegner, der Sowjetunion, überlassen. Der US-Präsident Roosevelt zitierte das angeblich vorbildliche Beispiel der Philippinen, die unter den Fittichen der Amerikaner die Demokratie und das Alleinregieren gelernt hätten, bevor man sie in die Unabhängigkeit entließ.

So sollte es nach Roosevelts Vorstellung nach dem Kriege eine Treuhandregierung mehrerer Siegermächte und Chinas (des Tschiang Kai-Chek-Chinas wohlgemerkt) geben. Doch über Koreas Nachkriegsschicksal wurde auf den internationalen Konferenzen der Kriegsverbündeten nur am Rande gesprochen. Nichts wurde konkret beschlossen und festgeklopft. Und kurz vor Kriegsende starb Roosevelt.

Zwei untergeordnete Militärs entschieden in der Nacht vom 10. auf den 11. August 1945 über die koreanische Teilung. Es war vier Tage nach Explosion der Atombombe über Hiroshima und vier Tage vor Kriegsende. Die Alliierten wußten inzwischen: Japan wird kapitulieren. Im US-Außenministerium beriet eine Planungsgruppe der US-Regierung darüber, was in der Nachkriegszeit mit Japan passieren soll. Besatzungszonen in Korea waren ein Thema am Rande. Wo soll das Land geteilt werden? Zwei Colonels werden in einen Nebenraum geschickt. Man gibt ihnen eine halbe Stunde zum Überlegen. Einer der beiden Obersten war Dean Rusk, der später Außenminister der USA wurde.

Die beiden suchten sich eine Grenze für die Besatzungszonen aus, die aus ihrer Sicht möglichst weit im Norden lag, den 38. Breitengrad. Diese Linie hatte für die USA den Vorteil, daß die Hauptstadt Seoul in der US-amerikanischen Besatzungszone blieb.

Also teilten die Siegermächte Korea in Besatzungszonen ein, ähnlich wie sie es drei Monate zuvor mit dem Deutschen Reich getan hatten. Aber Deutschland hatte angegriffen. Korea war angegriffen worden. Deutschland war ein Land der Täter. Korea war ein Land der Opfer. In Deutschland teilten die Sieger ein besiegtes Land. In Korea teilten sie ein befreites Land.
Eine unerhörte Arroganz also, die die Koreaner mit großem Schmerz spürten. Die seit 1776 unabhängigen Vereinigten Staaten wollten einem Land das Selbstregieren beibringen, das vor der japanischen Kolonialzeit 2000 Jahre lang seine Geschicke selbst gelenkt hatte.

Mit der Wahl der Trennungslinie erklärten sich die Sowjets einverstanden. Aber die Amerikaner waren trotzdem überrascht, als ein paar Tage später die sowjetischen Truppen tatsächlich am 38. Breitengrad Halt machten und nicht weitermarschierten. Denn die nächsten US-Truppen waren weit weg. Sie brauchten von Okinawa aus drei Wochen, bis sie in Inchon/Südkorea landeten

Drei Wochen im August

Diese drei Wochen zwischen der Kapitulation Japans und der Ankunft der US-Truppen sind bezeichnend. Denn in diesem Zeitraum zeichnete sich ab, wie ein unabhängiges ungeteiltes Korea wohl ausgesehen hätte und, daß die Koreaner Nachhilfe im Regieren nicht nötig hatten..
In den meisten Dörfern, Kreisen und Städten bildeten sich Volkskomitees. Sie übernahmen zügig die Verwaltung und die Polizei. Obwohl Korea unter den japanischen Besatzern sehr zu leiden gehabt hatte, kam es selten zu Grausamkeiten gegenüber den Japanern. Relativ friedlich nahmen die Volkskomitees sich die Macht vonden Japanern.

Die Mitglieder der Volkskomitees waren politisch sehr unterschiedlich ausgerichtet. In manchen Gegenden hatten die traditionell führenden Landbesitzerfamilien das sagen, in anderen waren sie durch ihre Kollaboration mit den Japanern so sehr “unten durch”, daß sie keine Funktion bei den Volkskomitees bekamen. Viele Mitglieder der Volkskomitees waren Widerstandskämpfer, die gleich nach der japanischen Kapitulation aus den Gefängnissen freigekommen waren. Der Anteil der Sozialisten und Kommunisten unter ihnen war hoch - denn ihr Gewicht im Widerstand war in den 30er und 40er Jahren gegenüber dem der konservativen Nationalisten erheblich gewachsen.

Übereinstimmend sagen jedoch Zeitzeugen unterschiedlicher Couleur, in dieser Anfangszeit hätten ideologische Gegensätze, so sie überhaupt existierten, kaum eine Rolle gespielt. Dagegen waren die Volkskomitees sich einig, was jetzt politisches Hauptziel war. Nämlich, die Japaner zu entmachten sowie diejenigen Koreaner, die sich zu den Bütteln der Japaner hatten machen lassen. Außerdem musste die Versorgung der Bevölkerung gesichert werden, die vielen Heimkehrer aus den anderen japanischen Kolonien inbegriffen.

Die US-Amerikaner meldeten sich bis zu ihrer Landung nur mit einem Flugblatt zu Wort, das sie über ihrer zukünftigen Besatzungszone abwarfen. Die Koreaner sollten Ruhe bewahren, alles beim Alten belassen und auf die Besatzungsregierung warten, hieß es darin sinngemäß. Auf Okinawa machten sich derweil die Einheiten von General John Hodge bereit, Korea zu besetzen und zu regieren.

Bei ihrem Kriegsgegner Japan ließen die USA die Regierung und das Kaiserhaus intakt. Man wollte im Interesse des Nachkriegsfriedens die Japaner nach ihrer Kriegsniederlage nicht zu sehr demütigen. Bittere Ironie der Geschichte: Süd-Korea bekam die Besatzungsregierung, die für Japan vorgesehen und geschult worden war.

Damit wurde die befreite Kolonie von der Siegermacht schlechter behandelt als ihre besiegten Unterdrücker. Mehr noch: Die US-Besatzer nutzten die japanischen Kolonialherren als Hauptquelle für glaubwürdige Informationen über die Lage in Korea. Die Japaner warnten die Amerikaner vor Chaoten, Kommunisten und Unruhestiftern, die immer mehr in Korea die Überhand gewännen. Die zukünftigen Herrscher Süd-Koreas waren nur zu bereit, dem Glauben zu schenken.

Landung mit Schüssen


Die Japaner selbst hatten nach ihrere Kapitulation die Macht an denjenigen Politiker übergeben, dem sie am ehesten zutrauten, Ruhe im Lande zu halten: dem Widerständler Yo Un-Hyong. Yo war populär genug, um tatsächlich Gewaltakte gegen die Japaner weitgehend zu verhindern. Doch als Gegenleistung mussten die Japaner den Koreanern das Recht zugestehen, eine eigene Polizei zu bilden, die ch’iandae. 

In Seoul errichtete Yo Un-Hyong kurz vor der Landung der US-Truppen mit einigen hundert Menschen eine provisorische Regierung, das “Komitee zur Vorbereitung der Unabhängigkeit”. Sie  proklamierten eine unabhängige koreanische Volksrepublik. Sie stellten eine Liste mit den Namen von 87 Politikern zusammen, denen sie bei der Regierung des Landes eine Rolle zusprachen. Alle politischen Richtungen kamen darin vor, Kommunisten, Sozialisten, Nationalkonservative. Mit auf die Regierungsliste kamen Politiker, die noch im Exil weilten. Einer von ihnen war ein Politiker, der die Kolonialzeit in den USA verbracht hatte: Syngman Rhee. Ein anderer hieß Kim Il-Sung. Das war ein 33-jähriger Militär, der in China  eine kleine Guerillatruppe gegen die Japaner führte. Er war der jüngste auf der Regierungsliste. 
Damit enthielt die Liste das Spektrum des antikolonialen Widerstandes von links bis rechts.
Und sie enthielt die Namen der beiden Politiker, die drei Jahre später die beiden Staatsoberhäupter des geteilten Korea wurden. In Nordkorea Kim Il-Sung und in Südkorea Syngman Rhee.

Gegengründungen von anderen Regierungskomitees waren dagegen durchsetzt mit Leuten, die mit den verhassten japanischen Kolonialherren kollaboriert hatten - bei der Bevölkerung hatten sie keine Chance.

Am 8. September 1945, drei Wochen nach dem Kriegsende im Pazifik, landeten die ersten US-Truppen in Korea. Zwei Koreaner starben dabei. General John Hodge, Oberkommandierender der Truppen: "Die Japaner haben in eine Gruppe von Koreanern geschossen, die uns an der Kaimauer begrüßen wollten. Ich hatte befohlen, Zivilisten fernzuhalten, denn sie könnten die Landungsoperation behindern."

Der Austausch der Puppen

Gleich am nächsten Tag nahmen die amerikanischen Generäle die Kapitulation der japanischen Generäle entgegen - und ließen sie im Amt. Sie verkündeten: Die japanische Regierungsverwaltung und die japanische Polizei bleiben bestehen, mit allem bisherigen Personal.Das erboste nicht nur die Koreaner. Auch die amerikanische Presse reagierte verwundert, und schließlich pfiff das US-amerikanische Außenministerium die Generäle in Korea zurück.

Erst auf den Druck von oben übernahm nun ein Amerikaner den Posten des Gouverneurs von Korea. Das war General Archibald Arnold. Aber Arnold regierte mit Hilfe der bisherigen Kolonialverwaltung in Seoul, inclusive der koreanischen Kollaborateure. So verstärkte die US-Besatzung die Spaltung des Landes, in solche, die von den Japanern profitiert hatten und andere, die unter ihnen gelitten hatten.

Die US-Amerikaner dachten nicht daran, irgendeine selbsterrichtete politische Macht in Korea anzuerkennen. Alle eigenständigen Regierungsbemühungen wurden für illegal erklärt. Gouverneur General Arnold nannte sie gar “Puppenshows, über die schnell der Vorhang gesenkt werden muss.” Das Konzept der Militärregierung: Sich genehme Politiker  “der Mitte” suchen und mit ihnen “den Koreanern die wahre Bedeutung von Demokratie beibringen” (General Arnold)

Die USA störten sich an der vorherrschenden Offenheit gegenüber den Kommunisten - Koreas  kommunistische Partei ist eine der ältesen Asiens.

“Es ist einfach schwer vorstellbar, daß Amerikaner ein Land besetzen und anschließend mit Kommunisten zusammen”, sagt der Historiker Cumings. “Als der Kalte Krieg hereinbrach, wurde geradezu jedem das Etikett “Kommunist” verpasst, der mit Volkskomitees auch nur in Verbindung gebracht wurde. Im Weltvergleich betrachtet, ist das nicht so sehr überraschend. Im Jahr 1943 landeten die USA in Sizilien. Es erschien ihnen besser, mit der Mafia zusammenzuarbeiten als mit den italienischen Kommunisten, die sehr sehr stark waren in ganz Italien.”

In der Hauptstadt Seoul brachte die US-Militärregierung ihnen genehme Männer an die Macht, die ihnen von ihren Dolmetschern empfohlen wurden. Den wichtigsten Posten bekam der brutal agierende Nationalist Yi Pom-Sok. Er wurde Chef der Nationalen Polizei, deren zentralistische Struktur so blieb, wie sie die Japaner schufen - bis heute.

Den Exilpolitiker Syngman Rhee brachten General MacArthur und General Hodge selbst ins Spiel. Hinter den Kulissen machte ein dubioser amerikanischer Geheimdienst- und Geschäftsmann namens Preston Goodfellow für Rhee Lobbyarbeit. Goodfellow versprach sich davon Vorteile für seine eigenen Geschäfte mit einem späteren Staat Korea und sorgte augenscheinlich auch für die Finanzierung von Rhees späterer politischer Arbeit.
Rhee wurde aus den USA eingeflogen - man achtete darauf, daß er eher ankam als die Exilregierung aus Shanghai. Bei der Willkommenszeremonie für Rhee am 20.Oktober 1945 postierte sich die Spitze der US-Militärregierung neben Rhee auf die Treppe des Gouverneurspalastes und setzte so ein Zeichen ihrer Unterstützung.

Binnen weniger Monate saßen in Süd-Korea Leute aus Rhees Korean Democratic Party (KDP) an den Schalthebeln der Verwaltung und - vor allem - der Polizei. Die Basis der KDP waren die reichen Landbesitzer und Händler, die durch ihre Zusammenarbeit mit den Japanern kompromittiert waren. Sie brauchten deshalb als Frontmann einen Politiker mit antijapanischer Vergangenheit, wie Syngman Rhee - und Rhee brauchte die KDP, um sich eine Machtbasis aufzubauen.
Von Comics und Polizisten

Der gesamte südkoreanische Sicherheitsapparat wurde dadurch für Jahrzehnte von Polizisten und Militärs dominiert, die schon den japanischen Kolonialherren gedient hatten. Dies ist ein weiterer Grund, warum der südkoreanische Staat auf historische Nachforschungen heute noch so empfindlich reagiert.

In der Provinz benutzte die US-Militärregierung die alten kolonialen Polizeikräfte, um nach und nach die Macht der Volkskomitees zu brechen. Das lief stets nach einem ähnlichen Muster ab. Die zuständigen “Military Government Companies” haben es in ihren Berichten dokumentiert, die heute in den US-Nationalarchiven nachzulesen sind.

Aus Monterey, Kalifornien, machte sich zum Beispiel die 45. Regierungseinheit auf den Weg nach Korea, um vier Kreise im äußersten Südwesten zu regieren. Aus dem Bericht des Kommandeurs: “Die Überfahrt verlief ohne besondere Ereignisse. An Bord des Schiffes Joan Lafitte, bekamen die Mannschaften täglich eine Stunde Landeskunde über Korea."
Am ersten Dezember 1945 erreichten die Militärs ihr Zielgebiet, vier Landkreise im äußersten Süden des Landes. Die Aufgaben einer lokalen Militärregierung sind vielfältig. Das geht aus den Aktivitäten der Abteilung “special services” hervor, die von Lt. David McKinley geleitet wurde: “Eine seiner ersten Amtshandlungen war,einen Brief zu schreiben, damit diese Einheit auf die Versandliste für Comics, Magazine usw. kommt. Er veranstaltete die Weihnachtsparty für das gesamte Personal. Kurz vor Weihnachten wurde ein Laden für Zigaretten, Süßigkeiten und Toilettenartikel errichtet.”
Aber darauf beschränkte sich die Arbeit der 45. MG Company nicht. Sie stellten fest, daß die Macht in den vier Kreisen noch in den Händen der Volkskomitees lag. Weiter im Bericht der Militäreinheit:
“Die selbstorganisierte Polizei, die Bauernvereinigung und die Vereinigung der jungen Männer bildeten eine kommunistische Gruppe, die alles in den vier Kreisen kontrollierte. Sie kontrollierten auch den Informationsfluß zur Militärregierung, indem sie alle Übersetzer und die Führer anderer Parteien einschüchterten.” Die Polizei in der Provinzhauptstadt Kwangju war schon ausgetauscht worden. Von dort holten sich die US-Militärs Hilfe.
“Am 20. Dezember kamen drei Ermittler von der Provinzpolizei. Mit ihnen fanden wir Beweise für kriminelle Aktivitäten der selbstorganisierten Polizei, des Volkskomitees, der Bauernvereinigung und der Jungmännervereinigung.”
“Kriminelle Aktivitäten” - damit war oft lediglich gemeint, daß die Koreaner staatliches Eigentum von den Japanern übernommen hatten, das nun die US-Amerikaner verwalten wollten.“Mit spezieller Provinzpolizei haben wir die selbstorganisierte Polizei ersetzt und die Führer der Gruppen verhaftet. Die Provinzpolizei suchte dann die ehemaligen Mitglieder der japanischen Polizei und setzte sie wieder in ihr Amt ein.”
Nach vier Monaten, im April 1946 reiste die 45. Military Government Company wieder ab. Die lokale Macht lag jetzt in den Händern der Koreaner, die vorher nichts mehr zu melden gehabt hatten: Den verhaßten Polizisten und Verwaltern der japanischen Kolonialmacht.

Die Macht des feinen Zwirns

Bruce Cumings hat in solchen Berichten einen typischen Ablauf  festgestellt:
“Da kommt dann jemand ins Dorfbüro wo die Amerikaner sind und sagt,  ich bin der Führer des örtlichen Volkskomitees oder ich führe die Bauerngewerkschaft oder ich habe eine Polizeitruppe, die hier Frieden aufrecht erhält. Und der Amerikaner sagt, schön sie kennenzulernen, sprechen wir miteinander. Und oft stellt sich heraus, dass dieser Mensch unter den Japanern im Gefängnis gewesen ist. Ein Gefängnisinsasse, ein Krimineller, denkt da ein Amerikaner, der von Kolonialismus und Antikolonialismus nichts versteht. Also setzt er den Menschen von seinem Posten ab.
Ein anderer lokaler Führer kann sich als Kommunist herausstellen, oder jemand sagt, der sei ein Kommunist oder linksgerichtet. Schwer für einen Amerikaner, mit so jemandem zusammenzuarbeiten.
Schließlich kommt dann ein Mann herein im maßgeschneiderten Anzug. Der spricht gut Englisch und sieht aus wie ein Gentleman. Es ist klar, daß die Amerikaner sich den aussuchen zum Regieren. Denn so sehen auch die Leute aus, die die USA regieren. Aber in Korea sind solche Leute eine äußerst kleine Minderheit.”

Was bedeutet: Die äußerst kleine Minderheit der Reichen, die schöne Anzüge trugen und im Ausland studiert hatten, bekam überall im Süden des Landes die Macht. Es waren im allgemeinen dieselben, die sich auch sehr gut mit den Japanern arrangiert hatten.
Bei dieser Entwicklung zuzuschauen, machte viele Koreaner rasend vor Zorn. Bei unseren Dreharbeiten für die WDR-Dokumentation wurden wir in Kwangju einem Herrn Kim vorgestellt, der heute noch stolz ist auf den Mord, den er im sein Jahre 1945 verübte. Damals erschlug er auf offener Straße den alten Polizeichef der Stadt, der nach der japanischen Kapitulation wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde. Der Attentäter entging der Strafe durch die Fürsprache des konservativen Politikers (und Gegenspielers von Syngman Rhee) Kim Ku.

Der Stand im Frühjahr des Jahres 1946: Die US-Militärregierung in Korea hatte die Teilung des Landes de facto festgeklopft, mit eigener Polizei, Verwaltung und einer Armee, die bloß noch nicht so genannt werden durfte, der “constabulary”. Die Regierung in Washington hatte sich zwar überlegt, wie Korea geteilt werden sollte. Aber es gab kein Konzept, wie danach wieder eine einheitliche Regierung für das ganze Land zustande kommen sollte.

Zwar einigten sich die USA und die Sowjetunion in der Moskauer Erklärung vom Dezember 1945 auf eine gemeinsame Treuhand-(“trusteeship”)-Regierung für Nord- und Südkorea. Doch dazu kam es nie. Die Verhandlungen der beiden Siegemächte scheiterten nach einem Jahr.

Eine gewichtige Rolle für kommunistische/sozialistische Politiker wollten die USA in einer gemeinsamen Regierungsverwaltung nämlich nicht zulassen. Statt dessen versuchten sie, eine Reihe handverlesener Konservativer unter der Führung Syngman Rhees als gesamtkoreanische Regierung aufzubauen, im “Korean Democratic Council”. Die US-Amerikaner hatten Yo Un-Hyong als einzigen “linksgerichteten” Politiker in das “Korean Democratic Council” eingeladen - er weigerte sich aber als linkes Feigenblatt mitzumachen.
Die Konservativen agitierten gegen eine “fremde” Treuhandregierung für Korea - “trusteeship” übersetzten sie mit dem selben Wort, das auch die Japaner für ihre Gewaltherrschaft benutzt hatten. Die südkoreanischen Kommunisten waren zuerst ebenfalls gegen die Treuhandidee. Dann aber, im Januar 1946, schwenkten sie um auf die Linie der nordkoreanischen Kommunisten und traten für die Treuhandschaft ein.
Nordkorea in den 40ern

Aus Sicht vieler Koreaner war im Süden alles geblieben wie unter den Japanern. Dieselben Landbesitzerfamilien hatten die Macht. Dagegen entsprach die Politik im Norden des Landes in den 40er Jahren eher dem, was ein gerade vom Kolonialismus befreites Volk wie das koreanische sich wünschte. Die japanischen Herrscher und ihre Kollaborateure wurden vollständig entmachtet. Die Volkskomitees wurden nicht aufgelöst - die sowjetischen Besatzer ließen sie weitgehend gewähren. Anders als die USA in Seoul etablierten die Sowjets in Pyongyang bis Anfang 1946 keine eigene nordkoreanische Zentralverwaltung oder -regierung.

Populär war vor allem: Die nordkoranischen Volkskomitees führten eine Landreform durch. Die Großgrundbesitzer durften nur noch so viel Land behalten, wie sie selbst bewirtschaften konnten. Der Rest wurde an die landlosen Bauern vergeben. Die nordkoreanische Industrie konnte leicht verstaatlicht werden - sie hatte vor allem den Japanern gehört. Bei alledem war Demokratie für die Koreaner Nebensache. Und sie wurde von den nordkoreanischen Kommunisten zur Nebensache gemacht. In den US-Nationalarchiven findet sich ein Film, den die UN-Truppen während des Koreakrieges erbeutet haben. Da sieht man Wähler im Jahre 1946 zu den Volkskomiteewahlen schreiten. Es gibt in dem Wahllokal zwei Urnen dafür: Eine schwarze für “nein”, eine weiße für “ja”.

Das sowjetische Entwicklungsmodell der Schwerindustrialisierung war nicht so offensichtlich falsch, wie es heute gerne dargestellt wird. Viele vom Kolonialismus befreite Länder in Afrika und Asien (z.B. Indien) verfolgten ähnliche Industrialisierungspläne wie die Sowjetunion. Und der sowjetische Präsident Stalin war 1945/46 noch nicht der anerkannte Bösewicht, als den ihn sein Nachfolger Chruschtschow erst zehn Jahre später anprangerte.
Außerdem lenkten sich die Sowjets nicht so offensichtlich in die koreanische Politik ein wie die US-Amerikaner. Weil die Volkskomitees ohnehin aus eigenem Antrieb ungefähr das taten, was die Sowjettruppen wünschten, verlegten sie sich darauf, im Hintergrund lenkend einzugreifen - aber später auch, ihnen genehme Leute in die Komitees einzuschleusen. Immerhin ließen sie den christlichen Politiker Cho Man-Sik als Chef des wichtigsten Volkskomitees - desjenigen von Pyongyang - bis Anfang 1946 im Amt. Geradezu eine Großzügigkeit verglichen mit den rigorosen Aufräumarbeiten der USA unter ihren politischen Gegnern im Süden.

Die staatliche Teilung

Die Verlierer der nordkoreanischen Landreform allerdings flohen zum Teil in den Süden -und verstärkten dort die Reihen der Antikommunisten. Brutale Schlägertruppen wie die “Nordwestjugend” rekrutierten ihre Mitglieder aus den enteigneten Yangban-Familien des Nordens. Die Machthaber im Süden nahmen sie mit offenen Armen auf. Polizei und “Nordwestjugend” arbeiteten mit Terrormethoden zusammen bei der Entmachtung von Volkskomitees im Süden und schlugen Aufstände von Unzufriedenen nieder, zum Beispiel im Oktober 1946 sowie im April 1948 (siehe den Artikel über die Cheju-Rebellion auf Seite ...).

Eigentlich spielte es im Jahre 1948 keine große Rolle mehr, ob “freie” Wahlen in Südkorea stattfanden oder nicht. Die Macht hatten de facto ohnehin überall die Politiker der Korean Democratic Party von Syngman Rhee. Die Vereinten Nationen schickten eine kleine Beobachtergruppe nach Korea, als die Wahlen vorbereitet wurden. Das australische Mitglied der Kommission schrieb in einem Memorandum:
"Es scheint, die Wahlen sind unter der Kontrolle einer einzigen Partei. Außerdem sind die Bedingungen weder im Norden noch im Süden für Wahlen geeignet."

Der Delegierte empfahl die Abreise der UNO-Kommission. Die anderen Beobachter lehnten das ab.
Nordkorea nahm nicht an der Wahl teil. Außer Syngman Rheee boykottierten auch alle wichtigen südkoreanischen Politiker die Wahl. Denn sie wollten keinen getrennten südkoreanischen Staat.
Aber die Wähler selbst konnten die Wahl nicht boykottieren.
Die Nationalpolizei überwachte die Wahlen und gab nur denen einen Stempel auf ihre Lebensmittelkarten, die zur Wahl gingen. Wer keinen Stempel hatte, bekam keine Lebensmittelrationen mehr.

 Südkorea in den Jahren 1948 bis 1950: Es gibt mehr Polizisten als zur Zeit der japanischen Unterdrückung. 100.000 politische Gefangene schmoren in den Gefängnissen, eine Schätzung US-Botschaft. Vor Parlamentswahlen läßt Präsident Syngman Rhee Abgeordnete verhaften. Unter der Aufsicht von US-Beratern unternimmt die Polizei Jagd auf die steigende Zahl der Guerillakämpfer in den südkoreanischen Bergen.

Zu Silvester 1949 verfasste der britische Geheimdienst eine Analyse der Lage:
“Die Nordkoreaner hätten wenig Probleme, mit Südkoreas Streitkräften fertig zu werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß Südkorea von innen her zusammenbricht, ist so groß, daß die Nordkoreaner es nicht nötig haben, anzugreifen.”

Der Norden im Süden

Nach unzähligen Grenz”zwischenfällen” an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea brach am 25. Juni 1950, ein halbes Jahr nach dieser Analyse, der Koreakrieg aus. Der Norden unter Kim Il-Sung versuchte  eine gewaltsame Wiedervereinigung des Landes. Die USA griffen sofort mit ihrer Lufwaffe ein und aktivierten die Vereinten Nationen. Aus einem Bürgerkrieg wurde dadurch ein internationaler Krieg mit mehreren Millionen Toten, der mit einem Unentschieden endete.

Rund zehn Wochen lang hielten Truppen Nordkoreas den größten Teil des Südens besetzt, ehe die Kampffront wieder nach Norden verschoben wurde. Die Bevölkerung floh nicht in Massen vor den Nordkoreanern, im Gegenteil. Die meisten Koreaner schienen davon auszugehen, daß die Volksrepublik blieb. Rund 60 Mitglieder der südkoreanischen Parlamentes blieben in Seoul, 48 von ihnen erklärten der Volksrepublik ihre Loyalität. In vielen Kreisen des Südens wurden erneut Volkskomittees errichtet. Sogar eine schnelle Landreform wurde angegangen. Es kam zu Racheakten gegen Polizei und Jugendbanden, aber das blieb relativ begrenzt.

Die relativ große Unterstützung, die Nordkorea im Süden genoß, schätzte der Geheimdienst des US-Militärs so ein: “Im Allgemeinen kommt die Unterstützung (der Volksepublik)  in Seoul von der Arbeiterklasse, den Schülern und Studenten. Die Händler sind neutral, mit Neigung zur ROK (Südkorea).”
Das aus Sicht der Republik Südkorea “unzuverlässige” Verhalten der Bevölkerung im Süden während des Krieges kann als ein Motiv angesehen werden für den Polizeistaat, der in den Jahrzehnten danach in Südkorea aufrecht erhalten wurde.

Nordkorea kurz vor der Jahrhundertwende: Der Personenkult um Kim Il-Sung und seinen Sohn Kim Jong-Il ist westlichen Beobachtern schwer verständlich. Die politisch gleichgeschaltete Volksrepublik hat für Bürgerrechte keinen Platz. Augenscheinlich herrscht Hunger in Nordkorea. Das Wirtschaftssystem ist gescheitert. Nordkorea ist keine attraktive Alternative für die weitaus größte Mehrheit der Südkoreaner.

Warum ist Nordkorea nicht längst “zusammengebrochen”?
Warum werden im nun relativ stabilen politischen System Südkoreas angeblich “pro-nordkoreanische” Äußerungen immer noch derart streng verfolgt?
Einen Teil  der Antwort gibt die hier geschilderte Geschichte der Teilung in den 40er Jahren: Als Staatsgründung hatte Nordkorea in den Augen vieler Koreaner eine größere Legitimität als Südkorea. Erst später hat der wirtschaftliche Erfolg des südlichen Wirtschaftssystems dem Süden “Recht gegeben” - eine andere, schwächere Legitimation. Sie gilt im Übrigen erst seit Anfang der 70er Jahre. Denn zu der Zeit erst hat der Süden den Norden wirtschaftlich überholt, gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf.

Die Spuren der Teilungsgeschichte finden sich wieder in den politischen Kämpfen Südkoreas. Das zeigt sich bei einem Besuch bei einer konservativen Vereinigung in der Hauptstadt. In einem modern geschwungenen Betongebäude in bester Lage in Seoul residiert das sogenannte “Freiheitszentrum”. Die Organisation wird zum größten Teil vom Staat finanziert und nannte sich früher einmal Antikommunismus-Liga, was vielleicht ein treffenderer Name war.

Manchmal demonstrieren die Leute vom Freiheitszentrum gegen humanitäre Hilfe für Nordkorea. Chef des Zentrums ist ein Herr Kim, der ab und zu auch im staatlichen Fernsehen KBS die politische Lage kommentiert. Was halten Sie von sogenannten “Linken”, habe ich Herrn Kim gefragt.

“Linke sind gefährlich, weil sie Marionetten Nordkoreas sind”, antwortet Kim. “Sie fordern den Abzug der US-Truppen, die Abschaffung des Nationalen Sicherheitsgesetzes, eine Wiedervereinigung in einem föderalen Staat. Und sie haben das gleiche Geschichtsverständnis wie der Norden. Deshalb sind sie sehr gefährlich für den südkoreanischen Staat.”

Ich habe nach der Einschätzung Kims über Linke gefragt. Auf das Geschichtsverständnis ist er ganz von sich aus zu sprechen gekommen. Über die Geschichte ähnlich wie ein Nordkoreaner zu denken, scheint gefährlich zu sein.