| Interview: Arbeiten für den WDR |
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| Freitag, den 25. Dezember 2009 um 17:03 Uhr |
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Für die Studie des Deutschen Kulturrates "Der WDR als Kulturfaktor", die im Dezember 2009 veröffentlicht wurde, habe ich dem Deutschen Kulturrat im Frühjahr 2009 ein Interview gegeben. Thema: Wie ist es eigentlich, als freier Mitarbeiter für den Sender zu arbeiten?
Stefanie Ernst hat die Fragen gestellt. Hier ist der volle Text.
Stefanie Ernst: Welche Bedeutung hat für Sie der WDR als Auftraggeber? Ulli Schauen: Die Anzahl der Aufträge vom WDR schwankt jährlich. In früheren Jahren arbeitete ich zu 90 bis 95 Prozent für den WDR. In den letzten Jahren ist Anteil erheblich geringer geworden. Nach wie vor ist die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt aber einer meiner wichtigsten Auftraggeber. Ernst: Womit hängt die Auftragslage zusammen? Schauen: Ich arbeite themenzentriert, nicht an den einzelne Redaktionen gebunden. Im Laufe der Jahre habe ich mir so einen großen potenziellen Kreis von Auftraggebern erarbeitet, vielleicht 200 Redakteure in ganz Deutschland. Wenn ich mir ein Thema überlege, dann wende ich mich mit dieser Idee sowohl an den WDR als auch an Deutschlandradio Kultur oder andere Sender. Zwar arbeite ich größtenteils mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, schreibe zusätzlich aber auch für Magazine im Printbereich oder nehme Aufträge internationaler Auftraggeber an. Ernst: Sie sind also in der glücklichen Lage, Ihre Themen selbst wählen zu können? Schauen: Ja, ich denke von den Themen aus, die ich dann versuche unterzubringen. Allerdings hat das Vor- und Nachteile. Man greift auf mich nicht als "festen" freien Mitarbeiter einer Redaktion zurück, um mir Aufträge anzubieten. Also sind meine Akquise- und die anderen Anlaufkosten sehr hoch. So zu arbeiten wird zunehmend schwieriger. Zukünftig werde ich mir überlegen müssen, ob ich mich redaktionell fester anbinde - und mehr von den Bedürfnissen einzelner Kunden her denke. Da der Markt sehr überlaufen ist, gerät der Einzelne bei den Redakteuren verständlicherweise schnell aus dem Blickfeld. Es wird also zunehmend schwerer so zu arbeiten, wie Sie es tun? Ja. Momentan überlege ich für die Neuauflage des WDR-Dschungelbuchs, das ich 2002 verfasst habe, was sich in den letzten Jahren geändert hat und folglich eingearbeitet werden müsste. Im Journalismus hat sich eine regelrechte Industrialisierung vollzogen. Als ich vor 20 Jahren mein WDR-Volontariat begann, und auch während meiner Redakteurszeit, war Journalismus noch mehr Handwerk - Arbeit am Einzelstück. Heute ist es vorwiegend Serienproduktion. Durch Rationalisierungsprozesse wurden den Redaktionen immer mehr Aufgaben aufgebürdet, und die Programme wurden formatiert. Wie ein Zulieferer bei der Autoindustrie muss heute auch ein Journalist "just in time" liefern. Die Anforderungen sind nicht mehr vorwiegend künstlerischer oder journalistischer Natur. Alles muss glatt gehen - das hat Priorität. Die passende Dienstleistung zur vom Auftraggeber vorgegebenen Lieferzeit genau an die vorgegebene Schnittstelle des Medienunternehmens - so zum Beispiel die neue Anforderung an die freien Mitarbeiter, fast alle für die WDR-Verwaltung der Leistung relevanten Daten selbst in das WDR-Computernetzwerk einzugeben. Gibt es vor dem Hintergrund des Fortschreitens der Technik so etwas wie eine Amateurisierung in Ihrem Berufsbereich? Teils teils. Es ist eine Aufweichung bisheriger handwerklicher Grenzen. Kameraleute im Regionalen sollen "mal eben" den Text für einen Nachrichtenfilm mitliefern. Journalistische Mitarbeiter sollen selbst die Nachrichtenbilder zu den Infos mitbringen. Wenn also zu der Anforderung, das journalistische Handwerk zu beherrschen, noch die Anforderung hinzu kommt, O-Töne selbst zu schneiden ist das eher eine Erhöhung der Einstiegshürde. Quereinsteigen und Qualifizierung erst während der Arbeit durch "learning by doing" - das hat es immer gegeben. Entscheidend ist, wie hoch dann noch die journalistischen, technischen und gestalterischen Anforderungen sind. Und daran hapert es. Gefragt ist nicht mehr das tolle Produkt, sondern die Serienproduktion - das voraussehbare und am grünen Tisch vorher planbare Produkt. Diejenigen, die als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine entsprechende Denke mitbringen, haben es leichter auf dem Markt zu bestehen. Das hat sich leider auch in den Köpfen der freien Mitarbeiterschaft fest gesetzt, eine Bewusstseinsveränderung. Immer mehr Freie bieten sich einer Redaktion als "ständiger freier Mitarbeiter" an, in einem regelrechten Bewerbungsverfahren. Einerseits müssten die Kollegen, die so ein Bewerbungsverfahren bestehen, wissen eigentlich, dass sie kein bisschen abgesichert sind, anders als angestellte Mitarbeiter. Trotzdem sind sie teilweise mächtig stolz auf ihren Status als "feste Freie" mit eigener WDR-Mailadresse und Nennung auf der WDR-Website der betreffenden Abteilung. Sie sind teils geradezu empört, dass sie sich nicht auch das WDR-Logo auf ihre eigene Visitenkarte drucken dürfen. Dabei schieben sie beiseite, das sie sich als "Feste Freie" zu 100 Prozent von der jeweiligen Redaktion abhängig machen und sehr verletzlich sind. Von den Redaktionen ist das alles durchaus gewünscht, denn so sind diese Mitarbeiter immer auf Abruf verfügbar. Arbeit auf Abruf: die Arbeitszeit ist jederzeit von null auf hundert Prozent hochschraubbar - und wieder zurück auf Null. Die festen Freien machen es stets möglich. Prekarisierung - bei zum Teil nicht schlechtem Einkommen - ist die Begleiterscheinung. Das durchschauen aber die wenigsten, vielleicht verdrängen sie es. Sie geben eine gesunde Diversifizierung von Kunden zugunsten der Bindung an nur eine Redaktion auf. Arbeitnehmer sind aber nicht immer in der Lage wählen zu können, oder? Manchmal gibt der Markt Bedingungen vor, die nur schwer änderbar sind. Ich würde immer behaupten, dass jeder hat eine Wahl hat. Es steht jedem frei etwas anderes zu machen, wenn die Situation nicht mehr akzeptabel ist. Außerdem betrachte ich das nicht allein das individuelle Verhalten, sondern auch das kollektive. Es braucht eine Verständigung darüber, welches Verhalten für die freien MitarbeiterInnen als Ganzes das beste ist. Und wieso nicht tagsüber Kellnern und zum Wohlfühlen etwas Künstlerisches oder Journalistisches machen, wenn die Arbeitsbedingungen sowieso nicht mehr stimmen? Mal ganz ehrlich, das würden Sie tun? Das überlege ich durchaus. Wo ist die Grenze, wie viel Verschlechterung nehme ich noch in Kauf? Was ist der Preis der extremen Flexibilität und des Stresses? Eines der großen Dilemmata im Bewusstsein der Medien- und Kulturschaffenden ist, dass sie so furchtbar berufsstolz sind. Ihre Veröffentlichungen haben für sie einen so großen Stellenwert, dass sie sich einen Teil ihrer Arbeit nicht mit Geld sondern mit Autorenstolz abkaufen lassen. Dadurch ist das künstlerische oder journalistische Produkt billiger zu haben. Und die Medienindustrie, die Öffentlich-Rechtlichen inbegriffen, nutzt das wie jede andere Industrie schamlos aus. Neben dem WDR arbeiten Sie auch für andere Anstalten. In welchem Verhältnis stehen für Sie Aufträge des WDR zu Aufträgen anderer öffentlich-rechtlicher Sender bzw. im Verhältnis zu privaten Sendern? In der letzten Zeit mache ich vor allem Features für Deutschlandradio oder Deutschlandfunk. Auch für die BBC und das Norwegische Radio bin ich tätig. Ein Feature biete ich in verschiedenen Versionen an. Die Norweger haben einen norwegischen Text sprechen lassen, für die BBC wurden die Texte auf Englisch eingesprochen. Zusätzlich arbeite ich für Zeitschriften wie M oder für Internetportale. Wenn es die Zeit zulässt, halte ich Schulungen ab. Und seit kurzem habe ich einen Vertrag über ein Buchprojekt. Ernst: Welche Rolle spielen Features im Hörfunk? Features spielen besonders für Themen im Hörfunk eine bedeutende Rolle, weil sie eine Beschäftigung mit einer einzigen Thematik über mehrere Wochen hinweg zulassen. Man kann inhaltlich in die Tiefe gehen. In der Regel werden Features von Freien, weniger von Angestellten gemacht. Das ganze Programm profitiert davon. Fahren sie beispielsweise für ein Feature ins Ausland, versuchen sie immer, mehrere Produkte über die gleiche Thematik für unterschiedliche Sendungen zu produzieren, damit Aufwand und Kosten sich lohnen. Aber immer häufiger werden teure Reisekosten nicht mehr oder nicht mehr vollständig bezahlt. Die Produktion von aufwendigen Features wird immer schwieriger. Und auch auf Co-Produktionen wollen sich die Sender immer weniger festlegen, denn sie kosten ebensoviel Honorar wie eine eigene Produktion. Manche Kollegen reisen und recherchieren sogar auf eigenes Risiko und vertrauen dann darauf, dass das Feature von anderen Sendern übernommen wird und sie ein Wiederholungshonorar bekommt. Selbst das wollen Redaktionen eindämmen - sie streben ein "ARD-Feature" an, das nur einmal bezahlt wird, und das dann von allen ARD-Sendern übernommen werden kann - analog zum Hörfunk-ARD-Tatort. Also eine Zentralisierung mit der Tendenz zum urheberrechtlichen Buy-Out, mit dem sich das Genre Hörfunk-Feature selbst das Wasser abgraben wird. Ein gut gemachtes Feature wird damit nur noch zur großen Ausnahme mit Eventcharakter. Gibt es zurzeit spezielle Themen, die besonders oft angefragt werden? Die Themen sind relativ gleich geblieben in den Bereichen Kultur, Politik, Wirtschaft. Die Formatierung der Formen ist der beherrschende Trend seit langem. Auch das Radio orientiert sich dabei zunehmend am Fernsehen. WDR.doc ist zunehmend so ein angebliches Rechercheformat - bei dem aber vorher bekannt ist, was bei der Recherche heraus kommen soll. Ziel ist es irgendwas "aufzudecken". Zumeist ist alles an einem Aufreger ausgerichtet. Man nimmt eine bestimmte Position ein und will sich zusammen mit dem Zuhörer über etwas aufregen. Insofern haben sich weniger die Themen, sondern mehr deren Formatierung und Fokussierung geändert. Was wiederum bedeuten kann, dass manche Inhalte nicht mehr so gut unterzubringen sind. Auf der Strecke bleibt die Differenziertheit des genauen Hinschauens und Hinhörens Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeit? Können Sie sich überhaupt noch eine künstlerische Herangehensweise erlauben oder geht es zunehmend um leichte Unterhaltung und um die darauf zugeschnittene Auftragsarbeit? Es geht leider zunehmend darum, was am Redaktionstisch über das zu liefernde Produkt entschieden und mit dem Autoren vorab vereinbart wurde. Das heißt jetzt nicht unbedingt seichte Unterhaltung, aber ein ganz bestimmtes Format ist gefragt. Der Autor als Individuum tritt dahinter zurück, denn die Autorenhandschrift ist nicht mehr gewünscht. Auch Überraschungen durch unerwartete Rechercheergebnisse kommen nicht so gut an. Bestellt und geliefert wird die Farbe / der Geschmack einer Reihe, die Zuschauer und Zuhörer-wirksam ist. Der Raum für den eigenen Anspruch wird also reduziert? Ja - und das ist nicht nur kulturell, sondern auch politisch bedenklich. Nehmen wir das Beispiel Auslandsberichterstattung. Das Credo der Redaktionen ist hier, dass sich der Zuschauer mit Protagonisten oder mit dem Autoren identifizieren können muss. Folglich muss im Bericht oft ein "guter Deutscher" vorkommen, der etwas in der Welt erlebt. Kommt beispielsweise stattdessen ein Zulu in dem Beitrag als Hauptprotagonist vor, dann ist die Chance ins Programm aufgenommen zu werden viel geringer. Besser lässt sich verkaufen, wenn ein Deutscher seinen Zulu-Freund besucht. Das lässt sich angeblich an den Quoten ablesen. Wie wichtig ist Ihnen, dass der Inhalt Ihrer Beiträge im Internet mit Fakten angereichert wird? Grundsätzlich ist das sehr gut. Nur sollte der WDR diese zusätzliche Leistung der Mitarbeiter auch bezahlen. Oft sind das unbezahlte Mehrleistungen, Internettexte und Fotos werden gleich mit bestellt, ohne dass sie etwas kosten sollen. Es entstehen neue Aufgaben, und teilweise laden sich das die freien Mitarbeiter und die Redaktionen freiwillig selbst auf. Für den Internetauftritt der Senderredaktionen steht meist nicht genügend Geld zur Verfügung. Anders ist das anscheinend bei der zentralen wdr.de Internetredaktion. Wie wird begründet, dass diese Mehrleistung nicht entlohnt wird? Angeblich existiert hierfür kein Etat. Manche Redaktionen lassen da aber auch zu sehr von den Entscheidungsträgern unterbuttern Sie selbst müssten sich für höhere Etats auf die Hinterbeine stellen. Schließlich wird in manchen Bereichen ja auch für die Mehrleistung bezahlt - es ginge also.. Sprechen wir über die Sendezeiten und Sendeminuten. Hat sich hier in den letzten Jahren etwas verändert? Wenn ja, in welcher Hinsicht? Bestimmte Beiträge werden immer mehr an den Rand geschoben. Das betrifft aber nicht nur die Arbeit der Freien. Es hat sich festgesetzt, dass um 20.15 Uhr im TV die Soap oder der Trivialspielfilm gesendet wird, während ab 22.30 Uhr die ernsthafteren und anspruchsvolleren Sendungen und Filme gezeigt werden. Das WDR-Fernsehen stellt hier keine Ausnahme dar. Im Radio ist das anders. Dort herrscht auch ein anderer Begriff von Prime Time. Wenn im Radio ein Feature um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird, gerät es eher ins Hintertreffen. Wird Ihres Erachtens eine angemessene Vergütung gezahlt? Hat sich die Vergütung in den letzten Jahren nach oben oder eher nach unten entwickelt? Es wird keine angemessene Vergütung bezahlt. Fragt man den WDR wird er sagen, er zahle im Vergleich zu den anderen ARD Sendern gut. Es kann aber nicht das Argument sein, das es bei anderen noch düsterer aussieht. Durch die Nichtanhebung von Vergütungen ist der WDR mittlerweile in vielen Bereichen schon auf dem betrüblich niedrigen Niveau des Bayerischen Rundfunks. Dort werden 170, 180 Euro für einen üblichen Radiobeitrag bezahlt, ganz unabhängig vom Aufwand und Rechercheintensität. Das ist keine Basis für eine angemessene Existenz als Fachkraft. Es gibt die Fiktion eines angemessenen Tagessatzes für die Arbeit an Werken, die in diesem Zusammenhang vom Sender aufrechterhalten wird. Im elektronischen Honorierungssystem werden Tätigkeitstage der freien Mitarbeiterinnen eingegeben. Die Tage werden registriert, denn für den tariflichen Urlaubsanspruch ist eine Mindestzahl von Tagen nötig, 42 Tage im Halbjahr, außerdem sollen redaktionelle Freie Mitarbeiter nicht mehr als 60 Tage im Halbjahr für den Sender árbeiten, um das "Einklagen" auf eine Angestelltenstelle zu verhindern. Deshalb lügen WDR und freie Mitarbeiter den wirklich geleisteten Aufwand herunter.Die freien Mitarbeiter wollen vermeiden, dass sie nach Erreichen der Höchstgrenze für weitere Aufträge gesperrt werden - und der WDR will oft vermeiden, dass ein Urlaubsgeldanspruch entsteht. Für ein 10- bis 20-minütiges Kurzfeature auf WDR 5 zum Beispiel will die Redaktionsleitung nur maximal vier Tätigkeitstage anrechnen, auch wenn es erheblich länger gedauert hat. Dabei kommt nebenbei dann rechnerisch ein höherer Tagessatz für die Arbeit heraus, der nicht mehr als fiktiv ist - und den Gewerkschaften bei den Tarifverhalten nichtsdestoweniger entgegen gehalten wird als Argument dafür, es werde angemessen bezahlt. Wenn hingegen der realistische Aufwand gerechnet wird, kommt ein Tagesumsatz heraus, der für Freiberufler inakzeptabel ist. Leider kalkulieren aber viele Kollegen nicht wie normale Freiberufler und rechnen so als seien sie Angestellte. Aber Freiberufler haben Akquisezeiten, Vorlauf, Grundkosten, Leerlaufzeiten, sie sorgen selbst für ihre Fortbildung und ihre Arbeitsmittel und tragen alleine das Risiko von Arbeitsunfähigkeit. 40 Euro pro Stunde wären das absolute Minimum für einen freien Mitarbeiter, der einigermaßen so gut gestellt sein wollte wie ein vergleichbarer Angestellter. Aber das kommt allenfalls noch bei Moderatoren oder fest eingeplanten Tagesreportern im Fernsehen vor. Generell betrachtet halte ich die Bezahlung für nicht angemessen. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass es einen verstärkten Zusammenschluss der Freien gibt, um sich dagegen positionieren zu können? Das Ende der Fahnenstange scheint erreicht zu sein. Der Unmut unter den altgedienten Freien ist groß, nach langen Jahren von immer höheren Anforderungen für immer die gleiche - oder geringere Bezahlung. Nicht einmal die Preissteigerungen sind von Honoararerhöhungen aufgefangen worden. Leider hat man aber als Freiberufler in der Öffentlichkeit wenig Chancen auf Verständnis. Der Diskurs, der im Moment läuft, betrifft einen Mindestlohn von 7,50 Euro bei abhängig Beschäftigten. Wie soll man der Öffentlichkeit klar machen, dass wir einen Mindestumsatz von 40 Euro die Stunde brauchen, in einem Feld, wo freie Mitarbeiter und Angestellte in ihrer Arbeitssituation miteinander gleich gesetzt werden. Das würde einen Rattenschwanz an Erklärungen nach sich ziehen und ist fast nicht vermittelbar. Folglich ist es schwierig, Druck aufzubauen. Die Sender machen es sich in punkto Honorarfestlegung sehr einfach. Oftmals liegt bei 400 Euro Tagesumsatz eine stillschweigende Höchstsgrenze. Das ist eine absolute Milchmädchenrechnung bei dem Umsatz, denn beispielsweise werden die Leerzeiten und die unbezahlte Bereitschaft, ständig für den Auftraggeber einzuspringen, die natürlich ebenfalls Kosten verursachen, werden nicht mitgerechnet. Eine Diskussion über angemessene Vergütung findet aber nicht wirklich statt. Und entsprechend wird der WDR immer wieder behaupten, er zahle gut. Gibt es ein Problem zwischen Festen und Freien? Eine Konkurrenzsituation? Es gibt in der Tat Reibungen. Angestellte beneiden freie Mitarbeiter häufig darum, dass sie nicht so stark eingebunden sind, nicht zu den Dauersitzungen und quälenden Koordinationen im Sender sein müssen. Es gibt sogar eine Art von Futterneid. Es soll schon vorgekommen sein, dass der Leiter eines WDR-Studios einem freien Mitarbeiter ein Auto neidete, das größer war als seines - und anschließend die Aufträge an den Betreffenden knapper vergab. Andererseits haben auch viele freie Mitarbeiter eine negative Einstellung gegenüber Angestellten. Die festen Kameraleute zum Beispiel, so wird dann gesagt, haben ihren Achtstundentag, sie legen sich auch oftmals nicht so ins Zeug wie das Freie Kameraleute tun, die auch mal zehn Stunden sich ins Zeug legen, um einen Dreh durchzuziehen und den Kunden WDR bei Laune zu halten. Auch viele angestellte Redakteure drehen lieber mit freien Teams. Die Angestellten, die mit Freien zusammenarbeiten, sind zum Teil regelrecht verschrien wegen ihrer Möglichkeiten einfach "Dienst nach Vorschrift" zu machen. Das lässt sich aber auf keinen Fall verallgemeinern. Allerdings leisten die betreffenden "Fest"angestellten dem Trend zu Outsourcing Vorschub. Dass sie damit auch ihren angestellten Kollegen schaden, wird auch von denen so gesehen. Letzte Frage zur Vergütung und zu den buy-out-Verträgen. Wie werden die Internetrechte vergütet? Würden Sie die Internetrechte lieber eigenständig wahrnehmen und verwerten oder ist es Ihnen lieber eine angemessene Vergütung für die Übertragung der Internetrechte zu erhalten? Momentan ist in diesem Bereich viel in Bewegung. Für den Sender ist es natürlich günstiger, dem Urheber alle Rechte abzukaufen. Nach dem Urhebertarifvertrag kauft der Sender den freien Mitarbeitern die Onlinerechte für einen bescheidenen Zuschlag von 4,5 Prozent ab. Die Freien dürfen dann nicht einmal mehr ihre eigenen Manuskripte auf eine eigene Website stellen. Tut man es doch, wird ein solches Verhalten bestenfalls toleriert. Eine Selbstvermarktung ist aber ausgeschlossen. Kurioser Weise aber strotzt YouTube nur so von WDR-Beiträgen. Das wird hingenommen und darüber hinaus noch als Werbung angesehen. Wenn allerdings die freien Mitarbeiter aber auf die Idee kommen würden, als Gruppe ihre eigenen Werke zusammen zu legen und mit den Beiträgen beispielsweise ein eigenes Web-Verbraucherportal zu gründen, wäre der Teufel los. Die neue Situation ist ja, dass nach dem Willen der Bundesländer in Zukunft der Sender vieles nur noch eine Woche im Internet zur Verfügung stellen darf. Und was passiert nach dieser Woche? Wieso sichert sich dauerhaft ein Sender ein Recht, dass er nur sehr temporär nutzen kann? Warum darf ich die Beiträge dann nicht auf meine eigene Website einstellen? Für solche Fragen gibt es noch keine Regeln, darüber sollten die Gewerkschaften dringend verhandeln. Die Freien hätten durch eine für sie günstigere Vertragslage die Chance, ihre Produkte auf eine vernünftige Art und Weise zu vermarkten. Welche weiteren Verbesserungswünsche würden Sie an den WDR herantragen? In den öffentlich-rechtlichen Sendern der anderen Bundesländer gibt es Vertreter der freien Mitarbeiter im Personalrat. In NRW ist das nicht der Fall. Folglich kann der Personalrat immer sagen, er sei für die Belange der Freien nicht zuständig. Das hat zur Folge, dass die Kernbelegschaft gut und die Randbelegschaft schlecht vertreten wird - was in vielen Kleinigkeiten der täglichen Arbeit auffällt. Beispielsweise kümmert sich niemand wirklich um Abläufe und die Gestaltung von Arbeitsplätzen, an denen freie Mitarbeiter im Sender sitzen müssen, beispielsweise die meist unzumutbar gestalteten Fernseh-Sichtplätze. Hier muss es ein Umdenken geben. Da ist der Gesetzgeber gefragt. Außerdem wünsche ich mehr Transparenz bei den Etats des Senders. Für mich ist es immer wieder ein Rätsel, wo das Geld des WDR bleibt. Gebührenerhöhungen hat es ja gegeben - und die freiberuflichen Gebührenbeauftragten haben erfolgreich immer mehr GEZ-Zahler in NRW aufgestöbert. Wenn der Sender eine Ablaufrationalisierung betreibt, und das tut er ja, müsste er mit den Gebühren einigermaßen klar kommen. Und dennoch wird von ganz oben ständig die Parole ausgegeben, dass immer weniger Geld zur Verfügung steht und der WDR sich in einer Krise befände. Mein Eindruck ist, dass man jede "Krise" ausnutzt, um die Bedingungen drücken zu können. So wie es jetzt gehandhabt wird, kann man als Außenstehender den großen, undurchsichtigen Topf Honorare und Lizenzen überhaupt nicht entschlüsseln. Da ist alles drin: Sportrechte und Auftragsproduktionen, das große Event und die alltägliche Arbeit, Frank Plasberg und die kleine Hörfunkautorin. Und genau diese Undurchsichtigkeit scheint ja auch das Ziel des Senders zu sein. Wo aber bleibt das Geld wirklich? Ich wünschte mir vom Rundfunkrat, dass er für mehr Transparenz sorgt. Dann hätte das Spekulieren nach dem Verbleib des Geldes ein Ende. Als Journalist empfinde ich es natürlich als äußerst unfair, dass über das Geldargument indirekt die Qualität gedrückt wird. Wenn über Qualität, Kultur und den WDR als Wirtschaftsfaktor gesprochen wird, werden die Tausenden von Freien als Faktor überhaupt nicht berücksichtigt. In der Eigenwahrnehmung wie in der Außendarstellung geht der WDR immer von der Mitte her aus, denkt von den Redaktionen her. Die Leistungen der "Trüffelschweine", die im Land die Themen spannenden Kultur- und Politikthemen ausgraben, sieht mal als Journalist, der im Vierscheibenhaus in der Kölner Innenstadt sitzt, irgendwann nicht mehr richtig. Sie werden geradezu versteckt. Mein Wunsch wäre auch, dass die WDR-Abteilungen nicht immer wieder neue Aufgaben an sich ziehen, ohne dafür auch die Ressourcen zu haben. Das drückt logischerweise Qualität und Arbeitsbedingungen. |